Neue Sportart am Fuldaufer: Promenieren - 01.04.2009

Jetzt ist es amtlich: In Kassel, der Metropole in Nordhessen, ist ein neuer Sport aus der Taufe gehoben worden. Wie aus höchstamtlicher Stelle jetzt immer wieder lautstark zu vernehmen ist: in diesem Jahr soll das erste Mal promeniert werden! Dieser Artikel soll dem unbedarften Leser eine erste, kurze Einführung in die Thematik geben.

Der Verband

Die vorschriftsgemäße Ausführung des Promenierens wird durch den Hessisch-Internationale Landesverband der Gehenden Elitären Nordhessen (H.I.L.G.E.N.), mit Sitz in der Oberen Königsstraße 1 in Kassel, festgelegt. Alle Änderungen in der technischen Ausführung sind hier, in mindestens dreifacher schriftlicher Ausführung einzureichen. Vorgeschrieben ist hierbei die Verwendung der amtlichen Formulare, die ausschließlich auf Papier gedruckt wurde, das aus an der Promenierstecke gefällten Bäumen hergestellt wurde. Zur Förderung der noch jungen Sportart wurde für die Anfangszeit ein Betrag von 900.000 Euro bereitgestellt, um die vorgesehenen Sportanlagen ansprechend hinzurichten.

Definition des Promenierens

Das Promenieren ist eine menschliche, streng vorwärts gerichtete Fortbewegungsart in aufrechter Haltung. Der Blick sollte dabei möglichst immer geradeaus gerichtet sein, selbst der Blickkontakt mit dem Boden gilt als unwürdig. Unter Wettbewerbsbedingungen führt ein (auch unbeabsichtigter) Blickkontaktes zu abseits der Bewegungsrichtung befindlichen Konkurrenten und Passanten zur unmittelbaren Disqualifikation. In minderschweren Fällen (besonders bei Provokation des Aktiven) kann die Strafe auf einen Punktabzug in der OB-Note reduziert werden. Langwierige Verfahren vor den Sportgerichten sind zu befürchten.

Verwechslungsgefahren

Das Promenieren kann, bei ungenauem Hinsehen, sehr leicht mit dem banalen Spazierengehen verwechselt werden. Es ist daher sehr wichtig, dass man die Unterschiede sauber herausstellt. Es soll beim Promenieren keine geistige Erbauung oder Entspannung angestrebt werden, sondern ausschließlich die Zurschaustellung von Konfliktbereitschaft auf allerhöchstem Niveau gezeigt werden. Es handelt sich um einen ernstzunehmenden Hochleistungssport! Die Transpiration ist hierbei, ähnlich wie bei anderen elitären Sportarten wie Schach, unbedingt mit allen Mitteln im Zaum zu halten. Doping ist hier ausdrücklich zulässig! Üblicherweise wird der Sport in kleinen Gruppen (sogenannten Familien) ausgeübt. Hier ist bei allen Teilnehmern auf die Einhaltung der Bekleidungsvorschriften zu achten. Der Sport ist, von gelegentlichen Kommandos in gutsherrlichem Tonfall abgesehen, schweigend auszuüben. Als Begleiter tierischer Art sind ausschließlich großschissige Rassehunde mit gut bis hervorragend gepflegtem Fell zulässig. Hinterlassenschaften menschlicher und tierischer Teilnehmer sind ausschließlich durch die offiziellen Stellen zu beseitigen. Einem Engagement sogenannter elitärer Randorganisationen (Vereine) ist unbedingt aggressiv zu begegnen. Entgegenkommen und Verständnis sind hier nicht angebracht und widersprechen der professionellen Ausübung des Sports.

Wettkampfbedingungen

Bei den offenen Kasseler Stadtmeisterschaften geht es um die Verleihung des neu gestifteten Wanderpreises, den 'Goldenen Lolli', der in den Sonderdisziplinen Arroganz und Ignoranz vergeben wird. Die erste offene Veranstaltung dieser Art, die zunächst im Mai stattfinden sollte, musste dann aber aus Gründen der Professionalität in den späten Herbst und frühen Winter verlegt werden. In die einzige zu vergebende Note, die OB-Note, gehen die Unternoten für deutlich zur Schau getragene Intoleranz, Arroganz und Ignoranz, sowie ein Sonderpunkt für Akkuratesse der Sportbekleidung ein. Die verwendung von Anglizismen kann der Beschreibung des Promenierens nicht gerecht werden. Für die Anbiederung beim Oberwettkampfrichter bieten sich eher Floskeln französicher Herkunft an, die üblicherweise dem Sprachschatz des Königreichs Westphalen zu entlehnen sind.

Bekleidung

Bei der Wahl der richtigen Sportbekleidung haben sich die Faktoren Funktionalität und Bequemlichkeit den entscheidenderen Faktoren Eleganz, Eklatanz und Ekelaktanz unterzuordnen. Sportbekleidung aus Baumwolle, Ballonseide und anderen naturverbundenen Materialien ist unbedingt abzulehen. Die Bekleidung unterstreicht durch klare, klassische Formen und Materialien die Bewegungen des Promenierens.

Trainings- und Wettkampfstätten

Das Promenieren ist in seiner Urform nur möglich auf Flächen, die aus einer Eroberung hervorgegangen sind. Deutlich gemacht wird dies vor allem damit, dass von ehemaligen Landschaften möglichst keine erkennbaren Überreste bestehen bleiben, die der Laie mit den Worten 'schön' oder 'pittoresk' bezeichnen könnte. Einer eventuellen Ansiedlung von natürlich vorkommenden Individuen niedereren geistigen Wertes (auch Tiere genannt), ist durch rigorose Reduzierung des vor Ort befindlichen Pflanzenbestandes vorzubeugen. Die Pflege der Wettkampfstätten ist ausschließlich den hochprofessionellen Stellen vorbehalten, die dies unter behutsamem Einsatz von Kettensägen, Bulldozern und schwerstem Räumgerät und einem unvergleichlichen Sachverstand bei der Nichtbeachtung eigener Baumordnungen sicherstellen.

Förderung

In diesem Jahr (2009) soll die noch junge Sportart des Promenierens mit der Rekordsumme von 900.000 Euro gefördert werden. Es ist zu erwarten, dass diese Rekordsumme in den nächsten Jahren nicht aufrechterhalten werden kann.

Zukunftsaussichten

Für den Zustand der gerade erst neu erstellten Sportanlage ist leider nichts Gutes zu erwarten. Da von den aktiven Sportlern noch keine besondere Bindung zu ihrer neuen Sportart aufgebaut werden konnte, und die Sportanlagen auch von Nichtaktiven benutzt werden müssen, steht zu befürchten, dass die Aktiven kein besonderes eigenes Engagement zum Erhalt der Anlagen aufbringen werden. Es wird erwartet, dass sich der Hessisch-Internationale Landesverband der Gehenden Elitären Nordhessen (H.I.L.G.E.N.) bei schwindendem Interesse seiner Aktiven und einer mangelden Einhaltung der Kultur aus der aktiven Fortentwicklung der von ihm angestoßenen Entwicklungen zurückziehen muss. Kritische Beobachter sprechen vom Jahr 2011 als einem besonderen Prüfstein für die Zukunft des Promenierens. Sollte der Verband dann seine Zuständigkeit verlieren, ist nicht völlig auszuschließen, dass eine Renaturierung der Sportanlage von den nachfogenden Verantwortlichen angestrebt wird.

Der Schlachtruf der Promeneure lautet: 'Heute wieder lustik!'. Der Rest ist Schweigen.

Autor: Erik Berweger